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Gefährdet

Gefährdet

von Meike Dannenberg


Inhalt - Die Kinder des Hamburger Reeders und Lokalpolitikers Justus Stein werden bei eisigen Temperaturen in einen Container gesperrt. Doch es gibt keine Lösegeldforderung. ... mehr zum Inhalt

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E-Book
Kriminalroman
416 Seiten

2019 btb
ISBN 978-3-641-17516-0

Kurztext / Annotation

Die Kinder des Hamburger Reeders und Lokalpolitikers Justus Stein werden bei eisigen Temperaturen in einen Container gesperrt. Doch es gibt keine Lösegeldforderung. Nora Klerner, Spezialistin des BKA für Verbrechen gegen Minderjährige, wird nach Hamburg beordert. Statt einer gepeinigten Familie erwartet sie in der weißen Alstervilla jedoch nur Misstrauen und aggressives Schweigen. Und was hat der Tod eines russischen Ex-Zuhälters mit der Entführung zu tun? Nora muss hinter eine großbürgerliche Fassade blicken, um eine fatale Verkettung von Ereignissen aufzuhalten ...
Zwei Kinder sind verschwunden - wird BKA-Spezialistin Nora Klerner sie finden, bevor es zu spät ist?
Deutsche Erstausgabe

Meike Dannenberg, Jahrgang 1974, studierte angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Seit 2003 ist sie freie Journalistin und Literaturredakteurin, seit 2011 verantwortlich für den Bereich Krimi beim Magazin BÜCHER. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.


Textauszug

Alster - Sonntag - 16:30 Uhr

Nora sah dem hochgewachsenen blonden Mann entgegen, der das Büro betrat. Ein Schwall kalter Luft zog hinter ihm her, stieg von seinem Mantel und seinen Lederhandschuhen auf, die er in der Hand hielt, als wolle er jemandem eine Fehde erklären, während er mit großen, festen Schritten den Raum durchmaß und sie mit seinem Blick fokussierte. Noch im Gehen streckte er die Hand aus, wie um diese Förmlichkeit schnell hinter sich zu bringen.

Und damit niemand Zeit hat, die Flucht zu ergreifen, dachte Nora. Er war ihr sofort unsympathisch. Ein konservativer Politiker wie er im Buche stand, einer, über den ein linker Bekannter aus Berlin sagen würde: "Warum sehen diese Arschlöcher immer so aus, wie man sie sich vorstellt?"

Nora war überrascht, dass sie zu so negativen Gefühlen in der Lage war, obwohl es sich hier um ein Opfer, einen sorgenden Vater, einen zutiefst verletzten Menschen in größter Not handelte. Sie stand auf, reichte ihm ihre Hand, während er sie einmal kurz mit seinen stechend blauen Augen musterte, und sagte: "Justus Stein, und Sie sind ...?"

Doch ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er Friedrich Meyer ins Visier. "Etwas Neues?"

Seine Stimme klang eher wie ein Knurren, ein wütender, eingeklemmter Laut, als müsse er an sich halten, nicht jemanden zu packen und zu schütteln, bis seine Kinder aus dessen Taschen fielen. Meyer schüttelte bedauernd den Kopf, und Nora beobachtete Steins Reaktion. Er starrte Kommissar Meyer an, als überlege er, wie er ihm sagen solle, dass diese Antwort inakzeptabel sei. Sie sah seine Kiefermuskeln arbeiten - aus Trauer, Wut, Ohnmacht oder Schmerz?

"Aber meine Frau haben Sie im Blick, oder? Ich möchte nicht, dass sie in dieser Situation allein das Haus verlässt."

Meyer nickte. "Die Psychologin und ihr Hausarzt waren vorhin hier. Wir passen schon auf."

Trotz des spontanen Widerwillens und Justus Steins Unhöflichkeit hatte Nora nun Mitleid. Auch mit Krystina Stein. Warum kollaborierte Meyer mit ihm? Frau Stein konnte hingehen wohin sie wollte, oder? Stein schien das erste Mal in seinem Leben mit einer Situation konfrontiert, die sich vollständig seiner Kontrolle entzog. Seine Haut zeigte deutliche Zeichen von Schlafmangel, dunkle Ringe, scharfe Falten um die Nase und seinen schmalen Mund. Er war ohnehin blass, groß und dünn, seine blonden Haare lagen glatt am Kopf, dazu ein hochnäsiges Gesicht wie gemeißelt. Nur unter dem Kinn verlor die Haut an Spannkraft, ein in die Jahre gekommener Burschenschaftler. Friedrich Meyer erläuterte, dass sich ein weiterer möglicher Zeuge gemeldet hatte, während Nora noch Zeit blieb zu sehen, wie sorgfältig gefärbt das blonde Haar war, wie ausgesucht die Qualität des Wollmantels und der handgenähten Schuhe, bis er sich wieder ihr zuwandte. Sein Blick war nach wie vor eisig.

"Nora Klerner, BKA ", sagte sie und sah ihm ihrerseits forschend in die Augen. Sie meinte Verzweiflung hinter der zur Schau gestellten Aggression zu sehen.

"Ah", Justus Stein schien überrascht, dann fasste er sich. "Sehr gut, sehr gut. Dann haben Sie Ergebnisse?"

Nora schüttelte ebenfalls bedauernd den Kopf. "Es tut mir leid. Aber wir tun alles, was in unserer Macht steht."

Er hob ein wenig das Kinn, als müsse er prüfen, ob diese Aussage ausreichend Gewicht für den Moment hatte, und nickte schließlich kurz.

"Gut, dann möchte ich Sie nicht länger aufhalten. Frau Klerner, Herr Meyer!" Er nickte noch einmal und verließ den Raum ebenso eilig, wie er ihn betreten hatte.

Nora sah ihm hinterher. Justus Stein hatte alle anderen Anwesenden ignoriert. Aber sie glaubte, dass es weniger ein Zeichen von Arroganz als vielmehr von Hilflosigkeit war. Dieser Mann hatte keine Strategie, mit Schmerz umzugehen, er vermied Kontakt, wahrte eine Fassade. Wie er im Polit-Zirkus zum Spitzenkandidaten einer Oppositions- oder Koalitionspartei hatte mutieren können, war


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